Jahresbericht 2008

1 Aussenbeziehungen

1.1 Ofek und die IGB

Der Ofek-Vorstand nahm die von der Israelitischen Gemeinde zu Beginn des Berichtjahres gestartete Kampage zur Werbung neuer Mitglieder zum Anlass, ein weiteres Mal den Anspruch von Ofek auf einen Raum auf dem IGB-Areal für die Gottesdienste geltend zu machen. in der Kampagne hatte sich die IGB als Gemeinde, «die das gesamte religiöse Spektrum(...) von liberal bis orthodox zusammenhält», präsentiert.Der IGB-Vorstand reagierte auf den Antrag mit dem Angebot, sich beim Verein Cercle zu verwenden, dass Ofek dort wieder Gastrecht erhalten solle. In der Folge fand ein erstes Gespräch mit Verantwortlichen des Cercle statt; es wurden weitere Direktverhandlungen vereinbart.

1.2 Sympathisierendes Mitglied bei der PLJS

Gestützt auf den Beschluss der GV vom 8. April 2008 hat Ofek den Beitritt zur Plattform der Liberalen Juden der Schweiz (PLJS) als sympathisierendes Mitglied erklärt und der PLJS-Leitung den Wunsch kommuniziert, Vollmitglied zu werden. Das ist allerdings erst möglich, sobald die PLJS die entsprechenden rechtlichen Grundlagen geschaffen hat.

1.3 Zusammenarbeit mit Migwan und Od Mashehu: «Nes Gadol»

Seit der Gründung von Migwan im Herbst 2004 bestehen in Basel zwei grössere nicht orthodox ausgerichtete Organisationen. Trotz unterschiedlicher Entstehungsgeschichten, Schwerpunktsetzungenrichten sich sowohl Ofek und Migwan an ein gemeinsames Zielpublikum, das an egalitären und pluralistischen Angeboten interessiert ist. Vertreterinnen und Vertreter der Ofek- und Migwanvorstände sowie der informellen Gruppierung Od Mashehu treffen sich seit Herbst 2008 regelmässig zwecksorganisatorischer und inhaltlicher Koordination. Die gemeinsame Plattform entstand aus einer Ad Hoc-Einladung mit erstaunlich guter Resonanz – und erhielt daher Namen «Nes Gadol». Erste Erfolge dieser Zusammenarbeit zeigen sich besonders eindrücklich am Beispiel der hohen Feiertage, die im Herbst 2008/5769 (vgl. Abschnitt «Gottesdienste»).

2 Gottesdienste

Im Vereinsjahr 2008 fanden wiederum elf Schabbatgottesdienste statt, acht an einem Freitagabend und drei an einem Samstagmorgen. Am Schabbatmorgen leitete Daniel Goldberger die Gottesdienste, am Freitagabend leiteten Emily Silverman und Valérie Rhein, unterstützt von Isaak Eshkol, Orah Mendelberg (Leiterin der Gebetsvorbereitungs-Arbeitsgruppe) und Susanne Plietzsch. An der Gestaltung der Ofek-Gottesdienste sind jeweils viele weitere Personen beteiligt. So wird beispielsweise das Dwar Tora, der Kommentar zum Wochenabschnitt, von verschiedenen Teilnehmenden vorbereitet. Auch das Leinen, das Lesen aus der Tora, wird von verschiedenen Männern, Frauen und Jugendlichen gestaltet. Gottesdienste haben 2008 zudem an den Hohen Feiertagen stattgefunden, und zwar in Zusammenarbeit mit Migwan: Während Rosch Haschana in den Migwan-Räumlichkeiten gefeiert wurde, fand Jom Kippur im Ofek-«Zuhause» QuBa (Quartierzentrum Bachletten) statt – und stets waren sowohl die Migwan- als auch die Ofek-Mitglieder und -Sympathisierenden eingeladen. Rabbiner Bea Wyler leitete an Rosch Haschanaund Jom Kippur alle Gottesdienste. Nachdem 2007 Migwan und Ofek an Jom Kippur noch getrennte Gottesdienste angeboten hatten, wurde das gemeinsame Feiern der Hohen Feiertage im Berichtsjahr von allen Beteiligten begrüsst.

Der Kabbalat Schabbat vom 12. Dezember und das anschliessende «Vor-Chanukka»-Freitagabendessen hat zum ersten Mal nicht nur in Zusammenarbeit mit Migwan, sondern auch mit Od Mashehu stattgefunden. Bei guter Stimmung und gemeinsamem Singen lernten sich die Leute der drei Gruppierungen besser kennen. Für das Kulinarische zeichnete an diesem Abend wieder Smadar Heid verantwortlich. Im Anschluss an die Ofek-Gottesdienste findet jeweils ein reichhaltiger Kiddusch statt, der die Gottesdienst- Teilnehmenden zum Plaudern und zum gemütlichen Verweilen einlädt. Im Sommer haben Miriam Mendelberg und Susanne Plietzsch die Aufgabe der Kidduschvorbereitung Jacqueline Brel übergeben.

3 Lernen

3.1 Schiurim, Vorträge und WorkshopsDer erste Schiurzyklus im Jahr 2008 widmete sich dem Thema «Jüdisches

Leben in einer säkularenGesellschaft». Die jüdischen Gemeinden in der Schweiz leiden an abnehmendenMitgliederzahlen. Wiekommt es dazu, dass immer mehr Menschen auf die traditionellen Strukturen verzichten? Werden Religion und Spiritualität dennoch gelebt, und wenn ja, wie und in welchem Rahmen? Gibt es im Judentum Konzepte für jüdisches Leben in einer säkularen Welt? Prof. Antonin Wagner eröffnet die Reihe mit «Die Rolle vonReligion in einer säkularen Gesellschaft». Weitere Themen waren «Jüdische Bildung an der Universität» (Dr. Simon Erlanger), «Liberal und religiös: geht das?» (Rabbiner Tovia Ben-Chorin), «Wie bleiben unsere Kinder jüdisch? Über private und institutionalisierte Möglichkeiten jüdischer Erziehung» (Rabbiner Bea Wyler) sowie«‹Judentum im Wandel›: ein Projekt des Schweizerischen Nationalfonds» (Dr. Daniel Gerson). Das Thema des zweiten Schiur-Zyklus’ lautete «Keine Flexibilität kommt an jene der Halacha heran: Das jüdische Religionsgesetz gestern und heute».

Der ehemalige sephardische Oberrabbiner von Tel Aviv,Hayyim David Halevi, machte 1986 eine bemerkenswerte Äusserung zum jüdischen Religionsgesetz, der Halacha: «Die Kontinuität der Gesetze war nur möglich, weil jeder Generation von Israels Weisen die Erlaubnis übertragen wurde, unter Berücksichtigung von Veränderungen, die sich im Laufe der Zeit ergebenhaben, halachische Neuerungen einzubringen. Wer denkt, dass die Halacha starr sei und wir von ihr weder nach rechts noch nach links abweichen dürfen, irrt sehr. Im Gegenteil, keine Flexibilität kommt an jene der Halacha heran.» Diese Aussage steht im Widerspruch zur Praxis in vielen Teilen der jüdischen Welt. Ist die Halacha nun starr oder flexibel? Dieser Frage gingen fünf Referierende nach: Rabbiner Michael Goldberger mit «‹Flexidoxie›: lebendige und dynamische Halacha», Valérie Rhein mit «Halacha, Frauen und die Lesung aus der Tora», Sara Kviat Bloch in ihrem englischsprachigen Beitrag «String Theory: The Eruv and the Construction of Sacred Space», Rabbiner Yaron Nisenholz mit «Das Schmittajahr» sowie Rabbiner Reuven Bar-Ephraim mit «Liberales Judentum und Halacha am Beispiel der Liturgie». Aus Anlass des 60. Jahrestags der Staatsgründung sprach Prof. Jacques Picard im Juni über «Jüdische Identität 60 Jahre nach Israels Staatsgründung». Und zur Vorbereitung der gemeinsamen Hohen Feiertageleitete Rabbiner Bea Wyler für die Mitglieder und Sympathisierenden von Migwan und Ofek im Spätsommer je zwei Schiurim zu Rosch Haschana und Jom Kippur. Die Schiurim, Vorträge und Workshops wurden jeweils von 15 bis 30 Personen besucht.

3.2 Lerntag Jom Ijun

Zu den Zielen von Jom Ijun gehört es, Leute mit unterschiedlichen Interessen und unterschiedlichem Vorwissen zu einem gemeinsamen Lernen rund um jüdische Themen zusammenzuführen. Der integrativeund verbindende Charakter von Jom Ijun ist ein wesentliches Merkmal der Veranstaltung. Er basiert auf einer Idee von Limmud in England (www.limmud.org). Jom Ijun (www.jomijun.ch) wurde 2001 bis 2005 einmal jährlich in Zusammenarbeit von Ofek und IGB organisiert. 2005 haben die Initiantinnen und Organisatorinnen Emily Silverman und Valérie Rhein den Lerntag Rochelle Allebes und Miriam Victory Spiegel übergeben. Jom Ijun fand am 16. November 2008 zum dritten Mal in Zürich statt und widmete sich dem Thema«Interpretation als Verantwortung: Lernen und Handeln als Mitzwot». Ofek hat den Lerntag auch 2008 finanziell unterstützt.

4 Kultur

«Kol Demamah Dakah – eine Stimme der Stille entschwebend» lautete der Titel des Konzerts vom 13.Januar mit Marcel Lang und Michael Goldberger (Gesang), am Klavier begleitet durch Lukas Langlotz. Zuhören war Musik zu Texten aus dem Siddur (Gebetbuch) sowie zu jiddischen Liedern mit zeitgenössischer Bearbeitung von Lukas Langlotz. Die eindrückliche musikalische Darbietung ermöglichte es dem Publikumim vollen IGB-Gemeindesaal, auf ganz individuelle Weise in die Welt der Musik und der Gebete zu «entschweben». Zum Konzert eingeladen haben Ofek und IGB.

5 Zehn Jahre Ofek: Jubiläumsvorbereitungen

Seit 2007 hat sich der Vorstand mit den Vorbereitungen für das zehnjährige Ofek-Jubiläum befasst, und erhat im Berichtsjahr 2008 intensiv daran gearbeitet. Aus dem ursprünglichen Gedanken, eine Sammlung derbei Ofek gehaltenen Diwrei Tora, der Auslegungen zum Tora-Wochenabschnitt, herauszugeben, entwickeltesich die Idee einer umfassenderen Jubiläums-Publikation und einer Jubiläums-Tagung. Ziel der Jubiläumsaktivitäten sollte es sein, sowohl auf die vergangenen zehn Jahre zurückzublicken als auch einen Ausblick in die Zukunft zu wagen. Für Planung und Umsetzung der Publikation wurden Claudia Bosshardt (wortgewandt, Basel) sowie Simone und Markus Frank (Atelier Frank, Berlin) beauftragt, begleitet von einer Ofek-Redaktionskommission (Peter Jossi, Susanne Plietzsch, Valérie Rhein); die Organisation der Tagungnahmen Rolf Stürm und Valérie Rhein an die Hand. Mehr als 40 Personen haben schreibend oder zeichnend zum Buch beigetragen. Die Finanzierung des Buchs und der Tagung wurden durch grosszügige Beiträge der Dr. h.c. Emile Dreyfus-Stiftung, der Stiftung Irene Bollag-Herzheimer sowie der Ruth und Paul Wallach-Stiftung ermöglicht. Das Jubiläum wurde vom 7. bis 10. Mai 2009 gefeiert.

6 Sekretariat

Seit 2003 arbeitet Ingrid Thönen als Teilzeit-Sekretärin für Ofek. Ihr Pensum beträgt zehn Stellenprozente, ihre administrativen und organisatorischen Aufgaben umfassen sämtliche Tätigkeitsbereiche des Vereins sowie die Verwaltung der Website. Ihr sei ganz herzlich für ihr zuverlässiges Wirken und Mitdenken gedankt.

 

Valérie Rhein                Catherine Fürst

Präsidentin                    Vizepräsidentin


Basel, 19. Mai 2009