Schiurim 2008 I: Jüdisches Leben in einer säkularen Gesellschaft

Jüdischen Gemeinden in der Schweiz geht es wie der Reformierten oder der Katholischen Kirche: Sie alle leiden unter abnehmenden Mitgliederzahlen. Wie lässt sich diese Entwicklung erklären? Weshalb verzichtet eine wachsende Zahl von Menschen auf die traditionellen Strukturen der jüdischen Gemeinden oder der Kirche? Werden Religion und Spiritualität dennoch gelebt, und wenn ja, wie und in welchem Rahmen? Gibt es im Judentum Konzepte für jüdisches Leben in einer säkularen Welt? Diese Fragen bilden den Ausgangspunkt für den Zyklus "Jüdisches Leben in einer säkularen Gesellschaft".Die Rolle von Religion in einer säkularen Gesellschaft.

Themen in dieser Reihe waren:

Die Rolle von Religion in einer säkularen Gesellschaft (Prof. Antonin Wagner)

Jüdische Bildung an der Universität (Dr. Simon Erlanger)

Liberal und religiös: geht das? (Rabbiner Tovia Ben-Chorin)

Wie bleiben unsere Kinder jüdisch? Über private und institutionalisierte
Möglichkeiten jüdischer Erziehung.  (Rabbiner Bea Wyler)

Judentum im Wandel»: ein Projekt des Schweizerischen Nationalfonds (Dr. Daniel Gerson)

Die Rolle von Religion in einer säkularen Gesellschaft 

Die Stellung der Religion in der europäischen Bürgergesellschaft steht im Mittelpunkt von Antonin Wagners Ausführungen: Er beleuchtet die Rolle, die der Religion bei der Eingliederung von Bürgerinnen und Bürgern in eine nationalstaatlich geprägte säkulare Demokratie zukommt. Die Globalisierung und die damit zusammenhängende Migration haben zu einer veränderten Zusammensetzung der Bevölkerung und deren Religionszugehörigkeiten geführt und die Monopolstellung christlicher Konfessionen in Europa gelockert. Können wir angesichts dieser komplexen Ausgangslage etwas von der gesellschaftlichen Integration der Jüdinnen und Juden lernen, die Napoleon vor ziemlich genau 200 Jahren auf Anraten des Grossen Sanhedrins (Gerichtshof) in Frankreich durchgesetzt hat?

Prof. Antonin Wagner ist in Luzern aufgewachsen und hat an der Universität Zürich und an der University of Michigan, USA, Ökonomie sowie an der Universität Fribourg Theologie studiert. Heute ist er als Dozent an der New School for Management and Urban Policy in New York tätig. Zu den Schwerpunkten seiner Arbeit gehört die Rolle von Religion und Gesellschaft im 21. Jahrhundert.

Jüdische Bildung an der Universität

An mehreren Schweizer Universitäten wurden in den vergangenen Jahren Institute oder Lehrstühle für jüdische Studien oder Judaistik eingerichtet. Das Fach boomt. Jüdisches Wissen und jüdische Geschichte werden dort einem mehrheitlich nichtjüdischen Publikum vermittelt. Was bewegt nichtjüdische Studierende einerseits und jüdische Studierende andererseits dazu, sich mit jüdischen Themen wissenschaftlichen zu beschäftigen? Gibt es Zusammenhänge zwischen einer zunehmenden Beliebtheit jüdischer Studien und einem wachsenden Unbehagen gegenüber etablierten Religionsgemeinschaften und deren Strukturen? Und wie verhält sich das Interesse an jüdischer Kultur mit dem in den vergangenen Jahren europaweit feststellbaren Aufleben eines sogenannten "neuen Antisemitismus"?

Dr. Simon Erlanger, 1965 in Basel geboren, ist Lehr- und Forschungsbeauftragte für Judaistik und modernes Hebräisch an der Universität Luzern sowie Redaktor bei der "Basler Zeitung". Er hat in Israel und in Basel studiert und war 1996 bis 1999 Chefredaktor der "Jüdischen Rundschau" und 1999 bis 2007 Redaktor und Produzent bei "TeleBasel". Seine Dissertation widmete sich dem Thema "Zwischen Lager und Weiterwanderung. Die Schweiz und die aufgenommenen Flüchtlinge zwischen 1940 und

Liberal und religiös: geht das? 

Liberal ist nicht mit säkular gleichzusetzen: Denn zum liberalen Judentum gehören das Beten in der Synagoge, das Feiern jüdischer Feiertage und die Orientierung an jüdischen Geboten. Tovia Ben-Chorin,
ehemaliger Rabbiner der liberalen jüdischen Gemeinde Or Chadasch in Zürich, erzählt aus der religiösen
Praxis eines liberalen Juden und wirft auch einen Blick auf die Herausforderungen eines jüdisch-liberalen
Lebens in einer säkularen Gesellschaft.

Rabbiner Tovia Ben-Chorin wurde 1936 in Jerusalem geboren und liess sich am Hebrew Union College
zum Rabbiner ausbilden. Nach beruflichen Aufenthalten in Ramat Gan und Manchester (GB) leitete er
während 15 Jahren die liberale Har-El-Synagoge in Jerusalem. Zwischen 1996 und 2007 war er Gemeinderabbiner der Jüdischen Liberalen Gemeinde Or Chadasch in Zürich. In Potsdam ist er als Dozent am
Rabbinerseminar «Abraham Geiger Kolleg» tätig. 

Wie bleiben unsere Kinder jüdisch? Über private und institutionalisierte
Möglichkeiten jüdischer Erziehung


Erziehung, auch die jüdische, ist in erster Linie Sache der Eltern. Obschon viele Eltern die jüdische Seite
ihres eigenen Lebens nur wenig pflegen, möchten sie, dass ihre Kinder «richtige» Juden sind. Sie möchten dafür die Gemeinden mit ihren vielfältigen Einrichtungen in die Pflicht nehmen. Dies gestaltet sich
schwierig, denn jüdische Erziehung kann nur erfolgreich sein, wenn sie von beiden Seiten kommt. Zusammen haben Eltern und Gemeinde aber eine veritable Chance, dass auch die nächste Generation
jüdisch bleibt. Wir schauen uns einige konkrete Möglichkeiten genauer an.

Rabbiner Bea Wyler, Wettingen, wurde 1995 am Jewish Theological Seminary (Conservative/Masorti) in
New York ordiniert. Während neun Jahren betreute sie mehrere jüdische Gemeinden in Norddeutschland
und wirkte als Uni-Dozentin für Rabbinische Literatur. Jetzt ist sie vor allem lehrend tätig.



«Judentum im Wandel»: ein Projekt des Schweizerischen Nationalfonds

Die jüdische Minderheit in der Schweiz ist sozial und wirtschaftlich integriert. Allgemeine gesellschaftliche
und innerjüdische Entwicklungen stellen jedoch traditionelle jüdische Gemeinden vor Herausforderungen.
Dazu gehören beispielsweise interkonfessionelle Ehen und damit verbundene Ausgrenzungen nichtjüdischer Familienmitglieder. Progressive Kreise auf der einen Seite und fundamentalistische auf der anderen nehmen an Bedeutung zu. Die Polarisierung und die Emigrationen nach Europa, Israel und in die
USA bewirken, dass die traditionelle schweizerische Einheitsgemeinde ihre zentrale Stellung im jüdischen Leben verliert. Im Projekt «Religionswandel und gesellschaftspolitische Orientierungen der Juden
in der Schweiz» soll das Judentum in der Schweiz als eine heterogene Gemeinschaft dargestellt werden.
In dieser spielen neben religiösen Aspekten auch säkulare kulturelle und ethische Traditionen sowie das
Gedächtnis des Holocausts eine bedeutende Rolle.

Dr. Daniel Gerson hat an der Universität Basel Geschichte und Germanistik studiert. Er war Redaktor
der «Jüdischen Rundschau» und Stipendiat am Zentrum für Antisemitismusforschung der Technischen
Universität Berlin, wo er 2004 promovierte. Während elf Jahren arbeitete er für die Dokumentationsstelle
Jüdische Zeitgeschichte des Archivs für Zeitgeschichte der ETH Zürich, 2004 bis 2007 als stellvertretender Leiter. Seit November 2007 ist er Leiter des Projekts «Religionswandel und gesellschaftspolitische
Orientierungen der Juden in der Schweiz» im Rahmen des Nationalen Forschungsprogramms 58 «Religionsgemeinschaften, Staat und Gesellschaft» am Institut für Jüdische Studien der Universität Basel.